Steuern auf Gewinne zahlen die man nie realisiert hat
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Steuern auf Gewinne zahlen die man nie realisiert hat

Steuern auf Gewinne zahlen die man nie realisiert hat
16 Feb 2026

Ab 2028 plant die Niederlande etwas Großes und Ungewöhnliches: Anleger sollen jedes Jahr auf die Wertsteigerungen ihrer Investments Steuern zahlen selbst wenn sie nichts verkauft haben. Das bedeutet, dass auf sogenannte „Buchgewinne“, also Wertzuwächse bei Aktien, ETFs oder Kryptowährungen, Steuern fällig werden könnten, ohne dass tatsächlich Geld geflossen ist.

Was sich in den Niederlanden ändert

Derzeit zahlen niederländische Anleger Steuern auf Basis einer pauschal angenommenen Rendite im Rahmen des bisherigen „Box-3“-Systems. Dieses Modell wurde von Gerichten für rechtswidrig erklärt. Die Regierung ersetzt es nun durch ein neues System. Künftig soll Einkommensteuer auf den tatsächlichen jährlichen Wertzuwachs von Vermögenswerten erhoben werden, auch ohne Verkauf.

Geplant ist ein einheitlicher Steuersatz von rund 36 Prozent auf diese jährlichen Gewinne, ergänzt durch einen begrenzten Freibetrag. Fällt der Wert der Anlage später wieder, bleibt die bereits gezahlte Steuer dennoch bestehen, auch wenn Verluste künftig verrechnet und vorgetragen werden können.

Ein zentrales Problem dabei: Anleger müssten möglicherweise Wertpapiere verkaufen, um die Steuer zu bezahlen, obwohl sie keinen realen Geldzufluss hatten. Der bisherige Vorteil einer Buy-and-Hold-Strategie die Steuer erst bei tatsächlichem Verkauf zu zahlen würde damit weitgehend entfallen.

Das neue Gesetz ersetzt das alte System, nachdem der niederländische Oberste Gerichtshof die bisherige Besteuerung auf Basis fiktiver Renditen gekippt hatte. Das Unterhaus verabschiedete die Reform Anfang 2026. Die endgültige Zustimmung des Senats steht noch aus. Inkrafttreten ist für den 1. Januar 2028 vorgesehen.

Warum das für Anleger relevant ist

In den meisten europäischen Ländern gilt derzeit ein klares Prinzip: Kapitalgewinne werden besteuert, wenn sie realisiert werden. Man zahlt also erst beim Verkauf. Die meisten großen Volkswirtschaften, darunter die USA, das Vereinigte Königreich und die meisten EU-Staaten, erheben keine jährliche Steuer auf unrealisierte Gewinne.

Genau deshalb sorgt das niederländische Modell für Aufmerksamkeit. Es wäre eines der wenigen Länder, das Buchgewinne jährlich besteuert. Kritiker warnen, dass dies langfristige Sparer belasten, Anleger zu Verkäufen zwingen und möglicherweise Kapital oder sogar Personen in andere Länder verdrängen könnte.

Könnten andere europäische Länder nachziehen?

Derzeit gibt es keine EU-weite Vorgabe zur Besteuerung unrealisierter Gewinne. Steuerpolitik bleibt weitgehend nationale Angelegenheit. Vermögens- und Kapitalertragsteuern unterscheiden sich in Europa erheblich, und viele Staaten haben umfassende Vermögenssteuern wieder abgeschafft, weil sie administrativ aufwendig sind und Abwanderung fördern können.

Dennoch hat die niederländische Reform eine breitere Debatte über die faire Besteuerung von Vermögen und Kapitalerträgen ausgelöst. Die Europäische Kommission untersucht verschiedene Modelle zur Besteuerung vermögender Personen. Konkrete Pläne für eine europaweite Einführung einer jährlichen Steuer auf Buchgewinne gibt es jedoch nicht.

In vielen europäischen Ländern werden Kapitalgewinne weiterhin erst bei Realisierung besteuert, und zahlreiche Staaten erheben keine allgemeine Vermögenssteuer. Gleichzeitig verändern einige Länder andere Teile ihres Steuersystems. Belgien diskutiert etwa eine Kapitalertragsteuer auf Finanzvermögen, und im Vereinigten Königreich wird über sogenannte Exit-Taxes auf unrealisierte Gewinne bei Wegzug nachgedacht. Das ist zwar nicht identisch mit einer jährlichen Buchgewinnbesteuerung, zeigt aber, dass sich die steuerpolitische Landschaft in Europa bewegt.

Was bedeutet das insgesamt?

  • Die Niederlande könnten zum europäischen Vorreiter bei der jährlichen Besteuerung von Buchgewinnen werden.

  • Die meisten europäischen Staaten halten weiterhin am Realisationsprinzip fest.

  • Die Reform in den Niederlanden stößt eine Diskussion über Vermögens- und Kapitalbesteuerung an, hat bislang aber keine europaweite Welle ausgelöst.

  • Andere steuerliche Reformen zeigen jedoch, dass Regierungen intensiv über neue Wege der Besteuerung von Kapital nachdenken.

Vorerst handelt es sich um ein nationales Experiment und nicht um einen europäischen Trend. Ob andere Länder nachziehen, wird davon abhängen, wie sich das niederländische Modell in der Praxis bewährt. Funktioniert es ohne Kapitalabfluss, könnte es Vorbildwirkung entfalten. Führt es zu wirtschaftlichen Nebenwirkungen, dürfte es eher als Warnsignal dienen.

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